BUNDESKRIMINALAMT
- ST 31 -
Bericht
über
die Auswertung des am 16.7. bzw. 18.7.1973
in den Zellen von 8 RAF-Gefangenen gefundenen
Beweismaterials
Betr.: Ermittlungsverfahren gegen BAADER, MEINHOF,
ENSSLIN u.a. wegen Verdachts des Vergehens
nach § 129 StGB u.a. Straftaten,
Az. 1 BJs 6/71;
hier:
Weiterarbeit der kriminellen Vereini-
gung Rote Armee Fraktion (RAF) mit
Hilfe einiger Verteidiger aus der
U-Haft heraus
April 1974
- 138 -
3.8 Hinweise auf Ursprung und Tätigkeit der RAF in
der Vergangenheit
Entsprechend dem Befehl der Beschuldigten ENSSLIN
in ihrem Grundsatzpapier, "kein Wort über Geschichte
und Aktion der RAF" fallen zu lassen (vgl. Ziff.
II 3.2), finden sich in dem beschlagnahmten Schrift-
material keinerlei Aufzeichnungen über die den Be-
schuldigten konkret vorzuwerfenden Straftaten.
Es enthält lediglich einige allgemeine Äußerungen
zur inneren Tatseite und zur Motivation des be-
waffneten Kampfes der RAF (sh. auch Ziff. III)
sowie einige Notizen über ihren Ursprung, die hier
aufgeführt werden können.
In einer Rückschau notiert Ulrike MEINHOF hand-
schriftlich über die Etstehung der RAF und die
Gründe für die Aufnahme des bewaffneten Kampfes
unter Pos. XVI/144 folgendes:
"Die Bildung der RAF 1970 hatte in der Tat
spontaneistischen Charakter. Die Genossen,
die die Initiative ergriffen und die Genossen,
die sich ihr anschlossen, sahen darin für
sich die einzige wirksame Möglichkeit, ihre
revolutionäre Pflicht zu erfüllen.
Angeekelt van den Reproduktionsbedingungen,
die sie im System vorfandsn, der totalen
Vermarktung und absoluten Verlogenheit in
allen Bereichen des Überbaus, zutiefst er-
mutigt von den Aktionen der Studentenbe-
wegung und der Apo hielten sie es für nötig,
die Idee des bewaffneten Kampfes zu propagieren.
Night weil sie so blind waren, zu glauben, sie
könnten diese Initiative bis zum Sieg der
Rev. in Deutschland durchhalten, nicht weil
sie sich einbildeten, sie könnten nicht er-
schossen und nicht verhaftet werden.
Nicht weil sie die Situation so falsch ein-
schätzten, die Massen würden sich auf ein
solches Signal hin einfach erheben. Nicht
weil sie die legale Arbeit in den Betrieben
und Stadtteilen für überflüssig gehalten
hätten.
- 139 -
Es ging darum, den ganzen Erkenntnisstand der
Bewegung von 1967/68 historisch zu retten; es
ging darum, den Kampf nicht mehr abreißen zu
lassen."
Überleitend auf die Gegenwart fährt Frau MEINHOF
fort:
"Es ging und geht darum, den ganzen Anspruch,
die Totalität des Anspruchs der Umwälzung allen
Menschen in diesem Land bekannt zu machen. Die
Kritik am System und den Kampf gegen das
System auf das Niveau zu heben, unter dem
jede Initiative zu Sozialdemokratismus ent-
artet, vergessen werden kann, mit ihrer Nieder-
lage versackt und versandet.
Das Niveau heißt: Herstellung von aktiver Soli-
darität zwischen den Peripherien, dem System
Wunden schlagen, die Massen mobilisieren, die
Isolation aufheben."
Auch BAADER äußert sich in seinen handschriftlichen
Notizen zu den Anfängen der RAF nach seiner Befreiung
und schreibt unter Pos. 18/11.2:
"Nach dem 14. Mai hatte keiner von uns anders
als subjektive Voraussetzungen. Deswegen
konnte es in diesem Stadium der Org. keine
Führer geben. Die Kader bilden sich mit der
Entwicklung der Praxis. Wichtig ist, daß wir
in der besonderen Situation einer Guerilla-
gruppe (?) hier Führungsstrukturen ablehnen
müssen.
Wir kamen auf diesen ganzen Trip ziemlich
schnell zur Unterscheidung zwischen denen,
die rausfinden (?) wollten, was sie für
ihre Möglichkeiten hielten und denen, die
entschlossen sind zu lernen, was notwendig
ist. ....
James hat sich irgendwann zwischen 68 + 70
entschlossen zu lernen und zu tun, was not-
wendig ist."
An anderer Stelle seiner handschriftlichen Notizen
(Pos. 18/2.2) vermerkt BAADER in dem Zusammenhang:
"Eman. = dauernder Entschluß. Sie hat uns
von ...Y. (Zeichen für Antiatombewegung) zum
radikalen... Entschluß in der extreme Sit.
geführt.
- 140 -
Gericht: i.d. Suppe pinkeln, darüber
zu reden ist unmöglich (das uns vernichten
will und wird)
Über die exist. Seite des Entschl. z. bew.
Kamp.
Sie könnten es nie begreifen:....
Er läßt alles liegen: Ehen, Fick, Kinder etc.
Wenn er die Knarre nimmt, ist er praktisch
tot oder im Gef.
Er fängt mit nichts an.
1. Phase: Überleben, Aufbau v. Ausbildung,
Infrastruktur, Logistik, Geld/Waffen.
= Schule + lernt, Kontakt z. anderen ausländ.
Kommandos.
2. Verankern, Nachrichtendienst, über den
Gegner/ polit. Prop./Gegenöffentlich-
keit/ der Focus teilt sich, keine
Befehlsstruktur/Aktion + Wirkung
entsteht dadurch, daß SG überhaupt
da ist.
3. Phase: Militärische Offensive, Aktionen.
Hier ist anzumerken, daß BAADER - abweichend von der
bisherigen 2-Phasen-Theorie - infolge seiner Unter-
grunderfahrungen bei der Realisierung des Stadtgue-
rillakonzepts jetzt zwischen 3 Phasen unterscheidet,
die grob als
1. Aufbauphase,
2. Konsolidierungsphase und
3. Offensivphase
bezeichnet werden können. Hervorzuheben sind in der
2. Phase die von ihm für erforderlich gehaltene
nachrichtendienstliche Durchdringung des Gegners
(Polizei, Justiz etc.) und die sog. Gegenöffentlich-
keit.
In BAADER-Material (Pos. 31/1-4) befinden sich ferner
maschinenschriftliche Aufzeichnungen (Ablichtung) mit
der Überschrift
"Nachtrag zu Verteidigungsmaterial:
Ulrike beantwortet Fragen des Stern -....".
Sie enthalten handschriftliche Korrekturen, die ver-
mutlich von den Beschuldigten BAADER (im Original)
- 141 -
und MEINHOF stammen. Frau MEINHOF äußert sich darin
u.a. auch zu den Bombenanschlägen der RAf:
"ein Nachtrag zu Ihrer 5. Frage:
.....
Sie wissen, daß die Bullen erst aufgrund
der von ihnen selbst gefälschten Drohungen
einen Polizeiterror in Stuttgart und im
übrigen Bundesgebiet entfesseln konnten,
wie es ihn in der BR noch nicht gegeben
hatte......
Stuttgart war die Vortäuschung eines unge-
heuren Verbrechens. Während alle anderen
Bombendrohungen im Mai und Juni auf irgendeine
vermittelte Art gegen 'die da oben' - 'gegen
den Klassenfeind' - gerichtet waren, auf
Räumungsaktionen abzielten, war die Bomben-
drohung gegen Stuttgart wahllos gegen die
wehrlose Bevölkerung gerichtet - sie zielte
auf Kopflosigkeit und Panik. Das war nackte,
typische Faschistenpraxis...."
An anderer Stelle heißt es:
"Sie können natürlich sagen:
Stuttgart hätte es ohne Bomben auf das
US-Kasino in Frankfurt nicht gegeben.
Natürlich nicht. In Vietnam würden auch
keine Deiche bombardiert ohne die Offen-
sive von Giap.....
Wir sagen dazu: Der antiimperialistische
Kampf wäre nicht so grausam wenn die tak-
tische Bestimmung des Imperialismus nicht
wäre, daß er ein menschenfressendes Raub-
tier ist.
Die revolutionäre Linke in der BR hat sich
entschlossen, den Kampf aufzunehmen, weil
sie Mao Tse Tungs strategische Bestimmung
des Imperialismus für richtig hält......
Der Fahndungserfolg der Polizei von März,
Juni und Juli sind eine Niederlage für die
RAF, für die Stadtguerilla in der Bundes-
republik. Niederlagen sind eine schlechte
Propaganda für den revolutionären Kampf.
.....
Die revolutionäre Linke in der BR und West-
berlin wird ganz scher aus ihren Erfahrungen,
dazu gehören die Fehler und Niederlagen -
lernen (d.h. sie wird die Waffe der Kritik
und Selbstkritik schmieden und die Rote
Armee aufbauen. Prinzipiell ist es für
sie keine Frage mehr)."
- 142 -
Schließlich erklärt die Beschuldigte MEINHOF im
Hinblick auf die Rede Prof. NEGTs anläßlich der
Angela-Davis-Kundgebung am 3.6.72 in Frankfurt/M.,
in der er sich van der RAF distanzierte, folgendes:
"Wenn der Professor Negt sich durch uns in
die Alternative 'Bombenlegen oder Anpassen'
gedrängt fühlt, dann ist das sein Problem,
nicht unseres und nicht das der legalen
Linken. Wir haben ganz klar gesagt, daß wir
die legale Arbeit der Linken für genauso
wichtig halten, wie den Aufbau der illegal
operierenden Guerilla -
die Massenarbeit hat ohne die Guerilla keine
politische Perspektive, .....
Herr Negt, indem er gleich von tausend Bomben
spricht, also nicht von der noch schwachen
RAF, sondern eine schon entfaltete Guerilla
vor Augen hat - denunziert damit nicht nur
die RAF, sondern den bewaffneten Kampf über-
haupt......"
Die - nicht vorliegenden - Fragen des STERN und die
Antworten der Beschuldigten MEINHOF sind bisher nicht
veröffentlicht worden.
Sie hatte überdies bereits in der 5. RAF-Schrift
(MEINHOF-Mat. Pos. XVI/203) auf S. 22 unter der
Überschrift "Terror" auf die Aktionen der RAF Bezug
genommen und dort z.T. die gleichen Formulierungen
benutzt.
Auch BAADER äußert sich in seinen maschinenschrift-
lichen Aufzeichnungen (Pos. 18/7) zu den gefälschten
Bombendrohungen gegen Stuttgart, und zwar wie folgt:
"Wir wissen natürlich nicht, ob sie gefälscht
waren. er Umgang der Bullen und der Presse,
die Tatsache, daß der Text der ersten Drohung
zusammengeklebt, ein einfach abgeschriebenes
Flugblatt der Roten Hilfe Frankfurt ist, weist
darauf hin. Aber auch wenn es keine Produktion
der Polizei ist, hat sie es zur Mobilisierung
der Hysterie benutzt, obwohl sie wußte, daß
das eine Fälschung ist. Was ja später auch
zugegeben worden ist."